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„Energiewende von unten“ – Impulsvortrag 5.9.2014 Achim

„Energiewende von unten“ – Impulsvortrag 5.9.2014 Achim
Bernhard Schorn

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde des Klimaschutzes

„Energiewende von unten“ ist der Titel der heutigen Veranstaltung, zu der ikeo, die Initiative für eine klimafreundliche Energieversorgung Ottersberg, eingeladen hat. Ich habe die Aufgabe übernommen, die Fragen, über die wir heute sprechen wollen, etwas genauer zu definieren und freue mich auf einen lebhaften Gedankenaustausch. Wir werden es am Ende mit „3 D“ zu tun haben: Dreimal 3 Begriffe, um die sich die Fragen ranken.

I. Zunächst ein Blick auf den Begriff „Energiewende“. In Deutschland wird er meist mit dem Ausstieg aus der Atomenergie gleich gesetzt. Das ist eine Vereinfachung, die wir uns heute Abend nicht leisten sollten. Unter Energiewende im weiteren Sinne ist der Wechsel von einer Energiestruktur, die hauptsächlich auf fossilen Rohstoffen beruht (also Kohle, Erdgas, Erdöl und Uran) zu einer Energiestruktur, die überwiegend auf erneuerbaren Energieträgern ruht (also Wasserkraft, Windkraft, Sonne, Erdwärme und Biomasse). Weil die Weltbevölkerung und der Pro-Kopf-Energieverbrauch weltweit weiter wachsen, herrscht Übereinstimmung darin, dass allein der Einsatz erneuerbarer Energien nicht ausreichen wird, wenn nicht gleichzeitig durch Energieeinsparung und eine verbesserte Energieeffizienz der Rohstoffeinsatz gesenkt wird.
Die Energiewende umfasst also 3 Elemente: Energiesparen, Verbesserung der Energieeffizienz und Einsatz erneuerbarer Energieträger. Damit hätten wir unser erstes Dreierpaket.

II. Dies in einem Industrieland wie Deutschland durchzuführen, ist eine Herkulesaufgabe, wenn dabei eine Balance zwischen Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit gewahrt bleiben soll. Allerdings: Wenn die Energiewende gelingt, dann vermeiden wir nicht nur gewaltige Kosten und Krisen, sondern erwerben dadurch einen technologischen und wirtschaftlichen Vorsprung, durch den kommende Generationen bessere Lebenschancen haben werden. Die Mühe wird sich lohnen.

Aber Mühe wird es schon machen, rund 80% unserer Energiebasis auszutauschen und das am besten bis zur Mitte dieses Jahrhunderts. Mit den Begriffen Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit haben wir unser zweites Dreierpaket. Während aus nahe liegenden Gründen Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit viele aufmerksame Beobachter und Lobbyisten finden, gerät der Klimaschutz leicht in den Hintergrund. Dabei sind hiermit wahrscheinlich die größten Gefahren und Kosten verknüpft. CO2, einmal in die Atmosphäre abgegeben, bleibt dort lange Klima verändernd wirksam, selbst dann noch, wenn wir es geschafft haben, die Emissionen zu reduzieren. Im Moment sind wir allerdings davon weit entfernt. Das Gegenteil ist wahr: die Co2-Emissionen steigen weiter an und zwar mehr, als es in den pessimistischsten Szenarien der Klimaforscher unterstellt war.

Wir von ikeo haben uns daher vor allem diesem Aspekt gewidmet, ohne die Berechtigung der beiden anderen gering zu schätzen.

III. Schauen wir uns nun unser drittes Dreierpaket an. Geographisch findet das, was wir als Energiewende beschrieben haben, in sehr unterschiedlicher Weise statt.

Die USA erleben gerade die Fracking-Euphorie. Dieser Technik vor allem ist es geschuldet, dass trotz gewaltiger Krisen in Erdöl und Erdgas fördernden Ländern der Preis für Erdöl und Gas gesunken ist. Für die Umwelt und besonders für den Klimaschutz ist das keine gute Nachricht. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass sowohl in China als auch in den USA als den beiden größten CO2-Emittenten Anstrengungen unternommen werden, erneuerbare Energieträger zu forcieren. So ist z.B. der gesamte Zuwachs an Stromkapazitäten in den USA im letzten Jahr auf erneuerbare Energieträger zurück zu führen.
International gibt es immer noch keine verbindlichen Vereinbarungen über Maßnahmen zum Klimaschutz. Nach wie vor gibt es auch kein wirksames internationales Steuerungsinstrument wie es z.B. der Emissionshandel sein könnte. Innerhalb der EU wird es im September einen neuen Anlauf geben, das europäische Emissionshandelssystem ETS so zu verändern, dass es ein Instrument zur Begrenzung des CO2- Ausstoßes werden kann. Wir werden bald sehen, ob daraus etwas wird. International sieht es also nicht besonders gut aus, wenn es um die Energiewende geht.

Und national? Deutlich besser, es gibt Pläne, es gibt Ziele z.B. 40% weniger CO2 bis 2020. Das EEG, Verordnungen zur Wärmedämmung (ENEV), jede Menge Fördermaßnahmen für Kommunen, Hausbesitzer, Unternehmen. Und natürlich der Beschluss, aus der Atomenergie auszusteigen. Für Überschwang gibt es aber auch hier keinen Grund.
Nach einer Studie der Deutsche Energie Agentur DENA, des Mieterbundes, der Energieabrechnungsfirma Ista und des Bundesumweltministeriums sieht es mit der Energieeffizienz in Deutschland nicht so toll aus wie geglaubt.

Der Energieverbrauch der privaten Haushalte steigt:
2011 2 333 PJ = Petajoule
2012 2 427 PJ
2013 2 603 PJ vorläufig
Quelle: AG Energiebilanzen

EU-Energiekommissar Oettinger leitete im August 2014 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen D ein, weil es in D. nicht gelingt, den Energieeinsatz jedes Jahr um 1,5 % zu verringern.

Und regional? Damit hätten wir unser drittes Dreierpaket: International, national, regional. Mit „regional“ betrachten wir den Bereich, den wir meinen, wenn wir von „unten“ sprechen. Die Maßnahmen der Bürger, Landwirte, Handwerker und der kleinen Industriebetriebe sowie der Kommunen und Landkreise. Das alles umfasst der Bereich „von unten“ in meinem Verständnis. Hier gibt es herausragende Beispiele von Gemeinden in Hessen. Insgesamt aber geschieht hier viel zu wenig. Zu geringe Kenntnisse, vielleicht auch zu wenig Unterstützung von oben, zu wenige ernsthafte Konzepte.
In unserer unmittelbaren Umgebung gibt es natürlich schon einiges: Bürgersolarprojekte, Windkraftanlagen, die eine oder andere Kraft-Wärme-Kopplung, Biogasanlagen. Es gibt gute Absichten: Die Gemeinde Ottersberg z.B. hat beschlossen, 100% erneuerbare Energiegemeinde zu werden. Schaut man aber genauer hin, zeigen sich die Schwächen: Es gibt keinen Zeitplan, keinen beschlossenen Katalog von Maßnahmen, mit denen dieses Ziel erreicht werden soll, keine Zwischenziele, kein Überprüfen.
Warum? Wahrscheinlich ist eine Gemeinde dieser Größenordnung mit einem solch komplexen Problem überfordert, wenn nicht der Zufall in Form einer engagierten Einzelperson hilft, wie das etwa im Kreis Osterholz der Fall ist. Es geht wahrscheinlich nicht ohne professionelles Personal, intern in Form eines Klimaschutzbeauftragten oder extern in Form von spezialisierten Ingenieurbüros oder Energieagenturen. Könnte das eine Aufgabe des Kreises sein? Könnten sich mehrere Gemeinden zusammen tun etwa Achim, Oyten, Ottersberg? Welche Aufgaben könnten die Stadtwerke übernehmen? Stadtwerke Achim, EWO und das neue gemeindeeigene Stromnetz in Oyten? Wären gemeinsame Stadtwerke besser geeignet, Energieberatung und -versorgung zu kombinieren? Könnte es ein Energiekompetenzteam für Landwirte und kleinere Gewerbebetriebe geben? Welche Rolle könnten dabei Initiativen wie ikeo und andere spielen? Kurzum: wo ist der Masterplan für die „Energiewende von unten“ in unserer Region? Wo der runde Tisch, an dem die Schritte gemeinsam und am besten Partei übergreifend beraten werden? Wo sind die regionalen Spezialisten für die Beantragung von Fördergeldern? Was tut der Kreis?

Das sind die Fragen, die uns bewegen und nun liebe Freunde, sehr verehrte Damen und Herren, Feuer frei für Gedanken, Vorschläge, Berichte.

Ich danke Ihnen.